Seit gut einer Woche jetzt in den Regalen: "
Code B", das zweite Soloalbum des selbsternannten Human Boss. Die Veränderungen gegenüber dem Vorgängeralbum sind so marginal, wie die der Namensänderung: Bela B schreibt sich seit Neuestem nämlich ohne Punkt.
2006 veröffentlichte
Bela B., seines Zeichens seit Jahrzehnten singender und stehender(!) Schlagzeuger der Poppunker
Die Ärzte, sein Solodebüt mit dem Titel "
Bingo". Zuvor wandelte bereits Ärztekollege
Farin Urlaub äußerst erfolgreich auf Solopfaden. Man war also nicht nur in Ärztefankreisen gespannt auf das Debüt des, für seinen Horror-Faible bekannten, Grafen.
Wer von diesem nun ein eher düsteres Album im Stil seiner Ärztehits "
Mysteryland", "
Der Graf" oder "
Dein Vampyr", oder gar ein Metalalbum wie zu Zeiten seines mittlerweile lange gestorbenen Bandprojektes
Depp Jones, erwartete, der wurde enttäuscht: Bingo und die entsprechende Tour waren eine glamourös überinszeniere Las Vegas-Show, in der Bela B. seinen anderen Vorlieben Surf-, Country- und 60s-Musik huldigte, sowie, nicht zuletzt, auch sich selber. Und somit das auslebte, was bei den Ärzten bisher keinen Platz gefunden hatte.
So ordentlich das Ganze musikalisch war, so unterirdisch bewegten sich dagegen die Texte: Reimschema auf Grundschulniveau, gespickt mit peinlichen Obszönitäten. Das zu allem Überfluss noch größtenteils mit dem Anspruch ernst genommen zu werden. Album und Tour konnten zwar nicht an die Erfolge der Ärzte oder Farin Urlaubs anknüpfen, verkauften sich aber immerhin noch so gut, das andere Interpreten davon nur träumen können – was nicht zuletzt am Markennamen "Bela B." gelegen haben dürfte…
"
Hallo Leute, der Herr B. ist zurück!" sing Bela jetzt im ersten Song des neuen Albums. Das Lied trägt den Titel "
Rockula" und war schon einige Zeit vor Release als kostenloser Download bei Amazon erhältlich. Ob die Aktion bei DIESEM Lied zum Erfolg geführt hat und sich dadurch auch nur ein einziger neuer Fan ins Schloss des Grafen verirrte, bleibt offen… Zumindest lässt das Stück "Rockula", das einzig und allein von der Rückkehr des großen Herrn B., oder für Freunde auch ganz schlicht Graf Rockula, handelt, vermuten, dass der ironisch überzogene Größenwahn von Bingo fortgesetzt wird. Eine Vermutung, die so nur teilweise zutrifft: Der Glanz vergangener "Bingo"-Tage ist verblasst. Was bleibt ist solider Rock mit interessanten musikalischen Einflüssen.
Und auch bei den Texten hat sich etwas getan: Hatte sich Bela bei Bingo noch die tatkräftige Unterstützung von Freunden wie
Wayne Jackson oder
Lula geholt, so stammen jetzt sämtliche Songs komplett allein aus Belas Feder. Eine Tatsache die dem Album überraschenderweise gut getan zu haben scheint: Die Texte weisen zwar immer noch ein sehr einfach gestricktes Reimschema auf, doch die Anzahl der "Sinnlossongs" auf dem Album ist gegenüber dem Vorgänger stark zurückgegangen. Ab und an schleichen sich jedoch leider immer noch absolut deplatziert wirkende Textzeilen wie "Das Gras ist grün, Urin ist gelb" (aus "
Hilf dir selbst") ein. Den textlichen Tiefpunkt des Albums stellt aber tatsächlich die erste Singleauskopplung "
Altes Arschloch Liebe dar" ("
Altes Arschloch Liebe, geh zu Leuten, die dich woll’n / Altes Arschloch Liebe, du kannst mir niemals verraten, wie ich glücklich werden soll" oder "
Altes Arschloch Liebe, hast du Spaß 'dran mich zu quäl'n? / Liebe, du alte Scheiße, du kannst nicht mehr auf mich zähl'n"). Dies scheint die Allgemeinheit aber scheinbar nicht zu stören: Die Single schaffte es bis auf Platz 41 der deutschen Singlecharts.
Trotzdem sind bei weitem nicht alle Songs so stumpf, wie der erste Eindruck vielleicht vermuten lässt: Der "
Bobotanz" ist eben keine
Olli Schulz-Kopie, sondern grandiose Gesellschaftskritik. "Bobos" das sind nämlich die neue Oberschicht, welche durch die Kombination von vorher als unvereinbar geltenden Dingen, wie zum Beispiel Reichtum und Rebellion, zur Verdrängung der für einen Stadtteil vorher typischen Szenen und Bewohner führt. Auch "
Schwarz Weiß", die kommende zweite Singleauskopplung, weiß zu überzeugen. Aus der Seele aller Musikliebhaber und jungen bzw. junggebliebenen Rebellen sprechen dürfte auch der Song "
Als wir unsterblich waren" mit Zeilen wie "
Freiheit statt Akzeptanz". Musikalisch leider jedoch fast eine 1:1 Kopie des Ärztesongs "
Als ich den Punk erfand".
Natürlich gibt es auch bei diesem Album wieder Kollaborationen und wieder erfüllt sich Bela B. damit seine persönlichen Träume. Dieses Mal im Boot:
Chris Spedding,
Marcel Eger,
Alessandro Alessandroni und
Emmanuelle Seigner. Letztere ist in "
Liebe und Benzin" im Duett mit Bela zu hören, einer Ballade in welcher die Bonnie & Clyde-Thematik aufgegriffen wird. Ruhig geht’s auch bei "
Dein Schlaflied" zu, welches von Bela in typischer
Serge Gainsbourg-Manier vorgetragen wird.
Abschließend bleibt zu sagen: Bela ist nun mal kein Farin Urlaub. Hat man das eingesehen und kann man Bela B. einige textliche Schwächen und Ausrutscher verzeihen, so kann man durchaus seinen Spaß mit "Code B" haben. Wer dagegen "Bingo" schon total daneben fand oder auf Songs im Ärzte-Stil hofft, der sollte auch dieses Mal besser einen großen Bogen um Bela B machen, denn schon lange gilt:: "
Der Graf, ist nicht das, was er mal war / Ja der Graf, wirkt heut seltsam und bizar" (aus "
Der Graf" von Die Ärzte)
Trackliste:
1.
Rockula
2.
Geburtstagsleid
3.
In diesem Leben nicht
4.
Altes Arschloch Liebe
5.
Schwarz Weiß
6.
Onenightstand
7.
Ninjababypowpow
8.
Hilf dir selbst
9.
Bobotanz
10.
Liebe und Benzin
11.
Als wir unsterblich waren
12.
Nein!
13.
Dein Schlaflied
14.
Die Wahrheit
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